• Reiner Zufall ...

Reiner Zufall ...

08.08.2019

Kürzlich weckte folgender Satz in einem Zeitungsbeitrag meine Aufmerksamkeit: «Das Aufwachsen in einem Einfamilienhaus kann in die Isolation führen.» Hintergrund: Im Rahmen eines Nationalfondsprogramms (NFP 25 «Stadt und Verkehr », Hauptstudie «Lebensräume für Kinder») wurden 173 Kinder nach Schuleintritt in Basel-Stadt aufgefordert, ihr Wohnumfeld zu zeichnen, und befragt, ob und wo sie denn unbegleitet im Freien spielen könnten. Das Ergebnis: Kinder, die nicht rausdürfen oder nur in den eigenen Garten, hätten im Schnitt zwei Spielkameraden. Bei Kindern, die in einer Siedlung oder an einer bespielbaren Quartierstrasse wohnen, seien es zwölf Gspändli. Mit Blick auf das von ihnen Gezeichnete hätten Letztere eine intensivere Beziehung zu ihrer Umwelt. Problematisch sei auch das häufige Fehlen von Geschwistern, denn Spielkameraden wohnten oft weit weg, und die Kinder könnten einander nicht unbegleitet besuchen. Daraus folge soziale Isolation. Und aufgrund des häufigen Aufenthalts in Innenräumen sowie tendenziell intensiveren Bildschirmkonsums steige die Gefahr von Kurzsichtigkeit und parallel jene eines höheren Körpergewichts. Der sich insgesamt für die Eltern ergebende Zwang zur ständigen Begleitung verstärke die Abhängigkeit zwischen Eltern und Kind. Helikoptermütter und Elterntaxis seien sozusagen «Begleitschäden». Wenig überraschend sind die Schlussfolgerungen: Für junge Familien erweise sich die Wohnortswahl als zentrale Frage. Es fehle aber an guten Informationen. Behörden, Bund und Gesetzgeber seien deshalb gefordert. Einer der Mitautoren der Studie äusserte in einem seiner Studienvorträge gar despektierlich: «… von den üblichen Ansammlungen von Einfamilienhäusern spreche ich hier gar nicht mehr …». Wohneigentümer in Einfamilienhäusern haben solch plumpe Verunglimpfungen nicht verdient. Es erscheint banal, diese Wohnform derart zu verteufeln. Der Abschlussbericht zum NFP 25 erschien 1996. Und es ist sicher reiner Zufall, dass diese «Geschichten » jetzt – fast 25 Jahre nach Forschungsabschluss – neu aufgewärmt werden – genau dann, wenn die Eigenmietwert-Abschaffung und die kontraproduktive Mieterverbandsinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» (Abstimmung 2020) zur Debatte stehen. Diogenes hatte recht: «Zufälle sind unvorhergesehene Ereignisse, die einen Sinn haben.»

Markus Meier, Direktor HEV Schweiz